Die Welt und ihr digitales Abbild

Big Data im 19. Jahrhundert, Binärcodes der Macht, Entzauberung des Einzelnen: In „Muster“ liefert der Soziologe Armin Nassehi erstaunliche Perspektiven auf Technologie und Gesellschaft. Der Sachbuch.blog startet mit einer aktuellen Leseempfehlung. 

Armin Nassehi „Muster“, erschienen bei C.H. Beck

Alles ist neuer und komplexer als je zuvor– diesen Befund bekommt die Gegenwart in täglich neuen Artikeln und Büchern ausgestellt, veranschaulicht durch Hinweise auf den Siegeszug von Sharing-Diensten, den Einfluss der Sozialmedien, die Allmacht Googles oder die Auswirkungen des Online-Handels. Die Verhältnisse scheinen klar: Digitalisierung ist etwas, das eine analoge Gesellschaft ereilt, verändert, vor Herausforderungen stellt. Doch es wird nicht genau genug hingesehen, findet Armin Nassehi: 

Die Gesellschaftsvergessenheit des Redens über Gesellschaft läuft parallel zu einer Digitalisierungsvergessenheit des Redens über die Digitalisierung.

Die Frage, was Digitalisierung mit der Gesellschaft macht, wird viel häufiger beantwortet als die Frage, was beide Seiten eigentlich ausmacht. Für den Münchner Soziologen trägt die Gesellschaft bereits seit Generationen digitale Züge, die nun in digitalen Technologien mehr und mehr Entsprechungen finden. So begannen schon im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten, systematisch Daten über ihre „Völker“ zu sammeln und auszuwerten, seither fallen Muster ins Auge. Big Data ist die technologisch hochbeschleunigte Fortführung, ein neuer, genauerer Blick.

Daten, die Individuen durch ihre Zahlungen, durch das Bewegungsprofil ihrer mobilen Datengeräte, durch ihr Kaufverhalten, durch die Suchroutinen im Internet, durch Verbindungen in sozialen Netzwerken, durch die Aufzeichnung ihrer Autonummern usw. hinterlassen, sind […] nur deshalb interessant, weil die Kumulation des je individuellen Verhaltens sich zu «gesellschaftlichen» Mustern aufrunden lässt, mit denen man digital sieht, was analog verborgen bleibt.

Die Welt bekommt einen Zwilling in Datenform und lässt sich in dieser Verdoppelung neu entdecken. Das ermöglicht eine Menge Innovation, ist aber im Wesen nicht völlig neu. Schon Zeichen und Sprache sind ein dynamisches selbstbezügliches System, und selbst mit der menschlichen Wahrnehmung ist es nicht wirklich anders: Das Gehirn erbaut sich eine Wirklichkeit – anhand von Inputs der Sinneswahrnehmung, aber aus den eigenen Bausteinen. Der Soziologe spricht von „Dynamik der Geschlossenheit“. Das bedeutet nicht, Digitalisierung wäre ein alter Hut. Nassehi redet weder Fortschritt noch Probleme klein, aber erklärt, warum sich die digitalen Technologien explosionsartig ausbreiten: Weil sie funktionieren, indem sie perfekten Anschluss an Strukturen finden, welche die Gesellschaft der Moderne herausgebildet hat. Technologie funktioniert, weil sie passt, und passt sie so unmittelbar wie die digitale Technologie auf die heutige Gesellschaft, entsteht das Gefühl, sie würde hereinbrechen.  

Im Mittelalter gab es so etwas wie einen Gesamtbauplan, eine allgemeine Hierarchie. Je nach Rolle, etwa Knecht, Fürst, Priester, konnte man sich ziemlich genau verorten. Die Moderne löste diese eine große Hierarchie ab. An ihre Stelle traten parallele „Funktionssysteme“. Man ist gleichzeitig Bürger im politischen und Konsument im ökonomischen System. Man kann sich religiös bekennen, ohne dass es Einfluss auf den Verlauf eines Gerichtsprozesses hätte. Einer der interessantesten Gedanken in „Muster“ lautet, dass diese unterschiedlichen Ordnungen mehr oder weniger binär funktionieren. Das binäre System der Wirtschaft: zahlen oder nicht zahlen. Politik: Macht oder keine Macht. Wissenschaft: wahr oder falsch. Und wie später in der Logik der Schaltkreise und Bits sind es genau diese einfachst möglichen Unterscheidungen, die eine umso größere Vielfalt an Ausprägungen des Ganzen ermöglichen. Mit 0 und 1 lässt sich bekanntlich die Welt darstellen. Moderne Informationssysteme sind hier perfekt anschlussfähig, sie ermöglichen es, Muster freizulegen, bereits im Grunde der gesellschaftlichen Funktionssysteme angelegte Effekte zu verstärken und neue Verbindungen zu schaffen. Keine Umwälzung, sondern eine Fortsetzung. 

Was sich ebenfalls fortsetzt, ist eine Entzauberung der Individualität, die schon mit den ersten Statistiken begann.Die Einzelperson trifft ihre Entscheidungen selbständig und aufgrund der eigenen Präferenzen, nur um im Angesicht der Daten zu merken, dass sie in vielem doch ziemlich typisch ist. 

Irgendwann musste ich bei der Lektüre an diese Momente im Alltag denken, in denen man allzu passgenaue Werbung ausgespielt bekommt, und einen Lauschangriff der Technologieriesen vermutet. Gestern im Büro erst über ein bestimmtes Produkt gesprochen, heute schon eine Instagram-Ad dazu – hört das Handy mit oder trifft hier vielleicht gefühlter Individualismus auf die Wirklichkeit statistischer Muster und vorhersagbarer Kaufinteressen? Falls dies der Fall ist, hat es eben auch, aber nicht nur mit Digitalisierung zu tun. Man verkennt die Digitalisierung „wenn man sie (…) wie eine Kolonialmacht begreift, die auf eineGesellschaft trifft, die sich dagegen mit einiger Energie wehrt.“

Dem Soziologen gelingt es, neue Gedankengänge über Technologie und Gesellschaft anzuregen. Sein Buch ist auchein Relevanz-Behauptungsprojekt der Soziologie selbst. Plötzlich erscheint diese Wissenschaft sehr nahe an brennenden Entwicklungen. Eine Tradition der deutschsprachigen Geisteswissenschaften verschmäht Nassehi: Er schreibt einen durchaus zugänglichen Stil, gibt dabei nicht den Storyteller amerikanischer Prägung, aber liefert auch kein hermetisches Anbetungsobjekt für untere Semester ab. Die „Muster“ eignen sich nicht als beiläufige Lektüre, aber sie sind nachvollziehbar auch für Leser außerhalb des akademischen Betriebs – und wirklich empfehlenswert, allein schon, weil hier eine schöne Skepsis gegenüber den immer gleichen Diagnosen angemeldet wird: 

Es gehört zu den Grunderfahrungen der sozialen Evolution, dass Diskurse über gegenwärtige Veränderungen oft ein erstaunlich einfaches Bild der Vergangenheit imaginieren, um die Veränderung klarer auf den Begriff bringen zu können. Deutlicher formuliert: Oft wird der Verlust von etwas beklagt oder etwas zu retten versucht, das es so nie gab. […] so treten Kritiken an der Komplexität, an der Arbeitsteilung, an der Unübersichtlichkeit der modernen Welt oftmals mit einer sehr schlichten Vorstellung über geteilte Weltbilder und nahezu konfliktfreie Lebensformen der Vormoderne an; die gegenwärtig beliebte Beschleunigungskritik, die sich gerne als eine Art neuer Kritischer Theorie geriert, imaginiert frühere Zeiten als ruhigere Zeiten; die Kritik der industriellen Produktion glaubte oft, dass die Überlebensstrategien in früheren Mangelgesellschaften weniger entfremdete Verhältnisse waren; Urbanitätskritik lebte stets von einem romantischen Bild ländlicher Idylle; gegen die Hirnforschung und ihre zum Teil aufregenden Ergebnisse wird ein freier Wille gerettet, den man vorher in dieser Form nicht kannte; und Technikkritik übersieht gerne, woran frühere Sozialformen oft gekrankt haben.

Die Welt ist heute anders, aber nicht nur, und nicht immer auf die Weise, in der man es vermutet. 

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