Ein Blick für Schieflagen

Drei Jahre nach Erscheinen von „Untenrum frei“ gibt es jetzt eine Hörbuchfassung. Gut so, denn Margarete Stokowskis erstes Buch wirkt keinen Tag gealtert. So klingt Aufklärung – in jeder Hinsicht. 

„Untenrum frei“ von Margarete Stokowsk ist als Hörbuch bei Audible erschienen. Die Einleitung und das erste Kapitel liest die Autorin, den Rest des Buches die Schauspielerin Annika Meier. 

Wer fest glaubt, in einer unterdrückungsfreien Gesellschaft zu leben, gehört entweder zu den Unterdrückern oder hat sich mit der Unterdrücktenrolle angefreundet. Natürlich ein harter Ausdruck, Unterdrückung, bezogen auf den bequemen gesellschaftlichen Innenraum wohlhabender OECD-Staaten im Jahr 2019. Ja, die Verhältnisse lagen anders in den 1950ern oder im 18. Jahrhundert. Aber dass man in mindestens einer Hinsicht auch heute von einem „Beherrschten Geschlecht“sprechen darf, habe ich aus dem so betitelten Buch von Sandra Konrad gelernt. Und die theoretische Aussage, dass Unterdrückung immer von zwei Seiten getragen wird, bekommt eine praktische Note, wenn einem in Alltagsgesprächen Frauen ungefragt erklären, dass es die Geschlechtsgenossinnen mit Feminismus nicht zu weit treiben sollten, und wir, die Männer, es ja auch nicht überall leicht hätten (das passiert).

Margarete Stokowski gehört mit ihrer Kolumne zu denen, die eindeutig nicht vorhaben, es in Sachen Feminismus beim Erreichten zu belassen. Ihr erstes Buch „Untenrum frei“ ist im Sommer bei Audible in einer Hörbuchfassung erschienen – mein Anlass, den Bestseller von 2016 auf zwei Autofahrten und ein paar Fußwegen nachzuhören. 

Beim Hören war schnell klar: So klingt kein radikales Manifest, sondern Aufklärungsarbeit für die Breite und Mitte der Gesellschaft. Punkte, auf die sich vielleicht nicht alle, aber milieuübergreifend doch sehr viele einigen können müssten – eigentlich. Das Buch folgt größtenteils den Stationen des Erwachsenwerdens einer Frau, in Ich-Perspektive, auch wenn die Autorin eingangs anmerkt, dass nicht alles so von ihr erlebt wurde, von anderen aber sehr wohl. Anhand der Stationen wird auf das große Ganze Bezug genommen. Wie war das nochmal mit der Prinzessin und der Hure? Warum ist die Darstellung des weiblichen Körpers in den Medien gleichbedeutend mit Sex? Warum gilt „Boys will be boys“, während Mädchen den eigenen Körper von der Frühpubertät an als Optimierungsprojekt kennenlernen? Wie konnte eine sexuelle Unterdrückungsfibel wie Lou Piagets „Die perfekte Liebhaberin“ – Motto: Augen zu und durch – noch in unserer Jugend zum Bestseller werden? Wovor fürchten sich Leute, die schon durch ein paar Stunden ehrlichen Aufklärungsunterricht an Schulen die Kernfamilie als Konzept bedroht sehen? 

Manche Fragen bleiben auch offen, nicht jede Verortung ist abgeschlossen – ich sehe das als Stärke. Tief blicken lassen allein schon die typischen Widerstände, die Stokowski beschreibt:

Es ist unmöglich, über die Situation ,der Frau‘ in unserer Gesellschaft zu sprechen und Probleme aufzuzeigen, ohne dass jemand auf eine Frau zeigt und sagt: Aber dieseFrau hat diesesProblem nicht!

Wenn ein System oder eine Hierarchie erst mal etabliert ist, gibt es tausend Möglichkeiten, sie zu rechtfertigen: Da der Ist-Zustand irgendwie geworden ist, findet man für ihn auch immer Begründungen.

An einigen Stellen geht es darum, dass Feminismus mehr sein muss als sein eigenes Klischee, dass er sich aber auch nicht zwanghaft davon zu distanzieren hat:

Ich sträube mich dagegen, Feminismus zu huldigen wie einer Marke, von der man nur die neuesten goldenen Turnschuhe braucht, um glücklich zu sein.

Feminismus als Lifestyle Brand, das ist heute mindestens so aktuell wie vor drei Jahren, etwa wenn Influencerin versuchen, ihren Unterwäschefotos eine zusätzliche Ebene zu verleihen, indem sie ein paar Empowerment-Stehsätze hinzufügen.

Das Buch enthält erschütternde Schilderungen von Übergriffen. Zwischendurch gibt es auch langwierige Passagen, und einen allzu kurzen Exkurs, der Anarchismus als so etwas wie die vollendete Endstufe der Geisteswissenschaften präsentiert. Das wäre zu überprüfen. Was mich begeistert: Stokowski schärft den Blick für Schieflagen, wie sie eigentlich jeder und jedem täglich begegnen, aktuell auch wieder in drastischer Form

Wer heute die Welt verstehen will, kommt nicht um weibliche und um feministische Perspektiven herum, unabhängig vom eigenen Geschlecht. Deshalb ist das auch kein „Buch für junge Frauen“ sondern für alle. Erfreulich, dass von „Untenrum frei“ eine Ausgabe in der Schriftenreihe des Zentrums für Politische Bildung erschienen ist, und jetzt eben auch ein Hörbuch. Die Rolle der Frau und ganz allgemein der unterschiedlichen Gruppen, die eine Gesellschaft ausmachen, ist Gradmesser für die Freiheit einer Gesellschaft als Ganzes. Diese Freiheit ist nie selbstverständlich, selbst wenn sie selbstverständlich wirkt. Alle, die behaupten, bestimmte Freiheitsprojekte seien abgeschlossen, haben in Wirklichkeit meist vor, sie rückgängig zu machen. 

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