Eine kurze Lektüre über die Dummheit

Carlo M. Cipollas „Basic Laws of Human Stupidity“ rangieren zwischen Geheimtipp und Klassiker. Notizen zur neuen englischen Buchausgabe und ein paar schnelle Gedanken über den Unterschied zwischen Gauner und Dummkopf. 

Dank Penguin wieder im englischen Original nachzulesen: „The Basic Laws of Human Stupidity“

Menschen, die regelmäßig die Dummheit anderer beklagen, machen mich skeptisch. Natürlich, in ihren unterschiedlichen Ausprägungen ist Dummheit allgegenwärtig: mangelnde Intelligenz oder Bildung, praktisches Unverständnis, Dinge, die Donald Trump twittert (zu ihm später mehr). Wenn politische Debatten sich am nächsten und übernächsten Skandal berauschen, während die Lösung großer Probleme aufgeschoben wird, kann man ebenso von Dummheit sprechen wie anhand vieler alltäglicher Fehlgriffe, bei denen man sich selbst ertappt. Das Problem mit der Dummheit ist, dass sie einen so vielfältigen Begriff abgibt, den viele gerne in den Mund nehmen, nicht zuletzt dumme Menschen.

Eine witzige und intelligente Auseinandersetzung mit dem Thema stammt vom Wirtschaftshistoriker Carlo M. Cipolla (1922-2000). Der italienische Professor hat diesen Essay in den 1970ern auf Englisch verfasst, zum ersten Mal veröffentlicht wurde der Text aber erst 1988 in einer italienischen Übersetzung, die zum Bestseller wurde. Deutschsprachige Ausgaben folgten 2001 und 2018, jetzt ist die Originalausgabe mit einem Vorwort von Nassim Nicholas Taleb bei Penguin erschienen. Als eigenständige Veröffentlichung geben die „Basic Laws of Human Stupidity“ ein kleines Büchlein ab, dessen 85 großzügig bedruckte Seiten noch über die eigentliche Kürze des Textes hinwegtäuschen. Ein schnelles Lesevergnügen mit Nachhall. Cipolla stellt seine Universalgesetze der Dummheit mit akademischem Ernst in den Raum: 

Always and inevitably everyone underestimates the number of stupid individuals in circulation. 

Nicht nur unterschätzen alle die Zahl dummer Individuen, sie unterschätzen auch die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Um zu verstehen warum, braucht es den Blick auf den für mich interessantesten Teil des Essays. Anhand ihres Handelns unterscheidet Cipolla vier Kategorien von Menschen: 

  • Banditen handeln zum eigenen Wohl und zum Schaden anderer. 
  • Intelligentes Handeln dagegen ist für den Autor eine Win-Win-Situation: Wer intelligent vorgeht, nutzt sich selbst und anderen gleichermaßen. 
  • „Hilflose“ schaden sich selbst und nutzen dabei anderen – etwa indem sie sich zum Opfer der Banditen machen lassen. Bleibt die vierte Kategorie: 
  • Dumm ist, wer sich selbst undanderen schadet. 

Das macht Dummheit so unberechenbar und gefährlich. Das Handeln eines Banditen bleibt rational nachvollziehbar, hilflose Opfer schaden immerhin nur sich selbst, aber Dummheit bremst alle. Und sie kommt überall vor. Dummheit kennt für den Autor keine Rasse, kein Geschlecht, aber auch Bildung und Qualifikation halten sie nicht zurück. Eine schön egalitäre Haltung, und ein Aufruf, Experten und Autoritäten zu misstrauen: Hinterfrage den Kalenderspruch, selbst wenn er Albert Einstein zugeschrieben wird. Fachautoritäten anzuzweifeln, ist ein anstrengendes Unterfangen. Ganz ohne Vertrauen auf Expertendomänen ist der Alltag schließlich nicht zu bewältigen. Es fehlen Zeit und Sachverstand, alleszu überprüfen. Deshalb vertrauen wir auf die Kontrolle innerhalb bestimmter Domänen. Carlo Cipolla sagt, Dummheit kommt in allen Domänen vor. Man kann aber anfügen, dass manche Domänen viel besser damit umgehen als andere. Brückenbauingenieurinnen scheinen Dummheit in den eigenen Reihen, bis auf sehr wenige tragische Ausnahmen, gut in Schach zu halten. Ökonomen mit Blick auf ihre Prognosesicherheit eher weniger. 

Diesem Essay wird zurecht vorgeworfen, dass er auf Beispiele verzichtet. Problematischer finde ich, wie schnell der Sprung von dummem Handeln auf dumme Personen erfolgt. Cipollas vier Sektoren lese ich lieber als Kategorisierung einzelner Aktionen. Man handelt klug hier, dumm dort, hilflos anderswo und im globalen Kontext ist man vielleicht ein Bandit. 

„Trust me, I’m, like, a smart person”, wird Präsident Donald Trump am Buchrücken zitiert. Das gibt einen schönen, verkaufsfördernden Gag, aber führt auch zurück auf einen interessanten Aspekt in diesem Buch. Denn ob Individuen etwas als Schaden oder Nutzen empfinden, obliegt laut Cipolla immer ihren eigenen Maßstäben. Dass Trump unter anderem der amerikanischen Wirtschaft und in einiger Hinsicht auch seinen eigenen Wählern schadet, ist gut zu argumentieren. Aber um ihm zum Dummkopf in Cipollas Definition zu machen, müsste er selbst und in seiner eigenen Wertung ebenfalls den Schaden haben. Ich bin mir nicht sicher, ob ein Mensch mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung sich in der Rolle als berühmtester Mann der Welt jemals vollends als Verlierer empfinden kann. Ich tippe hier eher auf einen Banditen und verorte Dummheit bei denen, die – nicht nur in den USA – offenbar gerne starke Banditen an die Macht wählen.

Neben den drei oben verlinkten Buchausgaben listet die Wikipedia einen Link zu einer frei zugänglichen Online-Fassung der „Basic Laws of Human Stupidity“.   

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s