Die Nation, die Zeit und das Grasschlammpferd

Die Sinologin Thekla Chabbi führt anhand der chinesischen Sprache durch Chinas Kulturgeschichte und seine gegenwärtigen Realitäten: von jahrtausendealten Schriftzeichen bis zum Jargon des Online-Widerstands – keine Mandarin-Kenntnisse vorausgesetzt.

„Die Zeichen der Sieger“ von Thekla Chabbi, erschienen bei Rowohlt

In Europa wird China am liebsten von seiner wirtschaftlichen Entwicklung oder von seinem politischen System her gedacht. Die Sprache dient in diesem Zusammenhang eher als Mittel zum Zweck. Oder schicken eifrige Eltern ihren Nachwuchs in Mandarin-Kindergärten, um ihnen die Klassischen Romane der chinesischen Literatur zugänglich zu machen? Im neuen Buch der deutschen Sinologin Thekla Chabbi bildet die Sprache Ausgangspunkte für Streifzüge durch alle möglichen Bereiche des Kosmos, der unter dem Namen China zusammengefasst wird. 

In mancher Hinsicht ist diese Sprache einfach. Der Satzbau folgt drei festen Grundkategorien, die Zahl der verwendeten Silben ist weit niedriger als etwa im Deutschen – selbst unter Einberechnung der vier unterschiedlichen Tonarten. Diese haben im Chinesischen Einfluss auf den Inhalt des Gesagten, können aber, wie Chabbi erklärt, auch von Nicht-Chinesen ohne besondere musikalische Fähigkeiten erlernt und reproduziert werden. Aber natürlich:Chinesisch, das steht auch für ein Meer aus Zeichen. Es finden sich immer wieder Gegenüberstellungen des Wenigen oder Einfachen mit dem Vielen oder Komplizierten. Bei den Personennamen begegnen einem wenige Nachnamen mit teils vielen Dutzend Millionen Trägern und eine offene, dichterische Freiheit der Vornamen. Diese Gegensätze haben mich an die chinesischen Science-Fiction-Bestseller von Liu Cixin erinnert. Dort fliegen atomare Teilchen oder auch mal ein einzelnes, tiefgefrorenes Gehirn durch die Weiten des Alls. 

Die chinesische Sprache, wie sie heute auch im Ausland unterrichtet wird, ist ein vergleichsweise junges Projekt. Xi Jinping, so erfährt der Leser, ist das erste Staatsoberhaupt in der Geschichte des modernen China, das Hochchinesisch spricht. Die Schrifttradition reicht dagegen viele Epochen zurück. Schon auf dreitausend Jahre alten Orakelknochen finden sich Zeichen, die für heutige Betrachter „chinesisch“ aussehen. Daraus ergibt sich ein unfassbar großer Überlieferungsschatz, auf den heutige Zeitgenossen auch ohne akademische Bildung immer wieder referenzieren. An der Erklärung, wie es der als „Grassschlammpferd“ zu übersetzende Ausdruck schaffte, als systemkritische Metapher die Zensoren zu umgehen, zeigt sich, wie vielfältig diese Welt ist: Klänge, Anklänge, Zeichen, Assoziationen und Referenzen – alle aus einer fremden, menschengemachten Welt. 

Die Welt bestaunt seit Jahrzehnten Chinas Weg zur wirtschaftlichen und politischen Macht. Chabbi rückt weniger Bekanntes ins Licht. Ihrzufolge ist der konfuzianische Bildungshunger in dieser Gesellschaft viel tiefer verankert als das neuerdings so präsente Empfinden von Nationalität:

Die wesentliche Gemeinsamkeit innerhalb der chinesischen Gesellschaft liegt in der Übereinkunft, dass der Bildung, der Literatur und der Sprache allergrößte Bedeutung beigemessen wird. Die nationale Einheit des Landes ist hingegen ein machtpolitisch hochgehaltener Mythos.

„Die Zeichen der Sieger“ handelt von anekdotischen Winzigkeiten, von Kontinuitäten und Widersprüchen im chinesischen Nationalgefühl, und von Fragen über die Zeit an sich, die sich aus vermeintlichen grammatikalischen Defiziten des „zeitlosen“ Chinesisch ergeben:

Die Zukunft ist nichts als eine in der Gegenwart produzierte Illusion, die nicht existiert und von der niemand weiß, ob es sie je gegeben wird. Erst wenn die Zukunft Gegenwart geworden ist, wäre sie eine Zukunft gewesen, die aber, sobald sie sich als Zukunft von einst zu erkennen gibt, schon in der Vergangenheit liegt. Auch die Gegenwart fliegt im Nu in die Vergangenheit hinein, weil sie innerhalb eines winzigen Augenblicks, der sich nicht zeitlich bestimmen lässt, aufhört zu sein. Und was ist Vergangenheit, wenn sie nur in gegenwärtigen Gedanken, nämlich in den Gedanken an eine nicht mehr existierende Gegenwart erscheint?(…) Ungeachtet dieser Schwierigkeiten, die uns die Zeit bereitet, unterstellen wir mit jedem deutschen Satz durch die Konjugation der Verben, dass die Zeit klar zu fassen sein. (…) Die chinesische Sprache entzieht sich diesen Fragen, indem sie Zeitlichkeit präzisiert. Man könnte den Gelehrten, die den Chinesen ein fehlendes Zeitbewusstsein unterstellten, entgegenhalten, die chinesische Sprache verlange von ihren Sprechern ein weitaus differenzierter Wahrnehmung der Zeitlichkeit.

Dieses Buch vermittelt ein Gefühl davon, was Sprache alles bedeuten kann, und was es heißt, anhand einer anderen Sprache den Horizont zu erweitern. Man muss sich nicht ein chinesisches Schriftzeichen gemerkt haben (auch wenn das Buch Angebote dazu macht) und kann genauso weit von der Anmeldung zu einem Kurs oder dem Download einer Sprach-App entfernt sein wie vor der Lektüre, und hat trotzdem dazugelernt.

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