Der Tanz der Polkappen

Schnee und Eis aus erdgeschichtlicher, naturwissenschaftlicher und persönlicher Sicht: Der norwegische Journalist Bjørn Vassnes wandelt „Im Reich des Frosts“.

„Im Reich des Frosts“ in der Übersetzung von Günther Frauenlob und Frank Zuber ist bei DTV erschienen.

Wer nördlich des Polarkreises aufwächst, entwickelt ein eigenes Verhältnis zum Frost. Bjørn Vassnes behandelt in seinem Buch die Kryosphäre, also die Gesamtheit des gefrorenen Wassers auf dem Planeten, im Wandel der Zeit, in ihrer Bedeutung für den Menschen, aber auch anhand seiner eigenen Lebensstationen. So lässt der norwegische Journalist an mehreren Stellen Erinnerungen ans Aufwachsen in der Finnmarksvidda einfließen: 

Meine Familie war in den Fünfzigerjahren nach Kautokeino gezogen, als […] die Gemeinde im Frühling oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten war. Während der Schneeschmelze kamen weder Autos noch Schneemobile durch. Der Schnee war dann weich und unbefahrbar, die Flüsse schwollen an und konnten nicht mehr überquert werden. Sogar die Rentiere mussten passen. Heute würde in diesem Fall sofort eine Luftbrücke per Helikopter eingerichtet werden, die Medien würden berichten, und im Parlament würde ein Ausschuss tagen, um die Schuldigen zu finden. Damals war es einfach so. Die Jahreszeiten bestimmten den Lebensrhythmus: Im Herbst kam der Schnee, die Seen und Flüsse froren zu, und im Frühling taute alles wieder auf. Man blieb einfach, wo man war, und hatte genügend Vorräte.

Als Erwachsener zog Vassnes ins schneearme Westnorwegen. Die Bedeutung der Kryosphäre für sein Leben verringerte sich. Dass die Fjorde der Westküste vom Gletschereis der Vorzeit getrieben wurden, ist erst vor relativ kurzer Zeit ins Wissen der Menschheit eingegangen. Im frühen 19. Jahrhundert erkannten Forscher, dass sich das ewige Eis in früheren Zeitaltern über viel weitere Flächen erstreckt haben musste und Spuren in Form von Felsformationen, Gesteinsvorkommen und eben auch Fjorden hinterließ. Die „Entdeckung“ der Eiszeiten rüttelte damit noch vor der Evolutionstheorie an der biblischen Vorstellung von der Erdgeschichte. Was dem Menschen als statisch und immerwährend erscheint, sind nur Momente in Bewegungen, die sich über hunderttausende Jahre erstrecken. Im Zeitraffer betrachtet, erlebt unser Planet einen, wie Vassnes es nennt, „Tanz der Kappen“. Die Kryosphäre dehnt sich aus und weicht zurück. In manchen Momenten haben wir es eher mit einem Schneeball Erde zu tun als mit einem blauen Planeten. 

Wasserspeicher und Evolutionstreiber

Anhand von zwei unterschiedlichen Weltgegenden wird erläutert, welche Rolle sichtbare und unterirdische Gletscher in der Wasserversorgung spielen: „Die Landwirtschaft der Neuen Welt lebt von der Gnade der Kryosphäre“, erklärt der Autor. Die Obst- und Gemüseplantagen Kaliforniens sind ebenso wie die Viehweiden und Getreidefelder der „Great Plains“ vom Schmelzwasser der Rocky Mountains abhängig. In Nordindien bestimmen nicht nur die Regen- und Trockenzeiten vor Ort den Wasserstand des Ganges. Die Bedeutung des Himalaya, wo neben dem Ganges auch der Yangtse und weitere asiatische Lebensadern entspringen, ist aufgrund der räumlichen Distanz nur den wenigsten klar. Dabei wohnen am Dach der Welt in zahlreichen Mythen die Götter. Die Zukunft mehrerer hundert Millionen Menschen ist eng mit dem Schicksal der Gletscher im fernen Hochgebirge verwoben. 

Wechselbeziehungen zwischen Klima und Mensch sind alles andere als neu: 

Alle evolutionären Schritte auf dem Weg zum modernen Menschen fallen mit Änderungen des Klimas und der Kryosphäre zusammen,ganzbesonders mit den Vereisungen. Rein biologisch sieht es wirklich so aus, als wären wir „Kinder des Eises.“

Klimatische Schocks sorgten für evolutionären Anpassungs- und Kooperationsdruck. Das betrifft auch kulturelle Evolutionsstufen wie die landwirtschaftliche Revolution. Vor knapp 13.000 Jahren führte ein Kälteschub im Norden des Planeten zu Trockenheit im Nahen Osten und beendete dort die bis dahin paradiesischen Zustände für Jäger und Sammler. Um zu überleben, begannen sie, wilde Getreidesorten am Waldrand zu kultivieren. Wenn man so will, sind Zivilisation, Bücher und Blogs Spätfolgen dieses Anpassungsschrittes.

Vassnes bringt Einblicke in die Vielschichtigkeit der Klimaforschung und schließt mit einem besorgten Ausblick: Klimatische Kippunkte führen dazu, dass das Eis in Arktis und Antarktis schneller schmilzt, als noch vor wenigen Jahren erwartet. Was, wenn wie schon mehrmals in der Klimageschichte, der Golfstrom ausgeht? Die Reserven in den „Wassertürmen“ für einige der bevölkerungsreichsten Gegenden der Welt schwinden jedenfalls. In der Tundra taut der Permafrost und gibt Blasen aus Kohlendioxid und Methan frei. Gegen die Herausforderungen, die eine drastisch geschrumpfte Kryosphäre bereithält, wirken harte Winter im hohen Norden wie ein Vergnügen. 

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